BIN ICH GENUG? IST MEINE KUNST GENUG?

Über die Inszenierung des eigenen Lebens und die Frage, ob mein Sehen allein ausreicht.

Von Klaudia Taday

„Respect for the past. Responsibility for today. Ambition for the future.“

Respekt vor der Vergangenheit. Verantwortung für heute. Anspruch an die Zukunft.

Dieser Satz von Simone Bagel-Trah stammt aus einer Unternehmerwelt und hat mir einen Spiegel vorgehalten.

Was bedeutet es, auf das zurückzublicken, was ich geschaffen habe? Welche Verantwortung trage ich für meine Arbeiten? Und wie entwickle ich mich weiter, ohne das aus den Augen zu verlieren, was meine Kunst ausmacht?

Seit über siebzehn Jahren entstehen meine fotografischen Fine-Art-Arbeiten kontinuierlich. Sie sind meine visuellen Tagebücher – Auseinandersetzungen mit persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Themen, aber nie eine unmittelbare Abbildung dessen, was mich beschäftigt.

Gedanken und Fragen begleiten mich, manchmal über lange Zeit, bevor sie eine visuelle Form finden.

Ich abstrahiere sie, entwickle Konzepte, wähle Protagonisten, gestalte Styling und schaffe eigene Bildräume.

Meine künstlerische Handschrift ist der inszenierte Zufall: Ich schaffe Voraussetzungen für einen Moment, der sich nicht vollständig kontrollieren lässt.

So wird aus einer persönlichen Auseinandersetzung ein eigenständiges Werk.

Deshalb ist „Rot sehen vor lauter Bäumen“ nicht einfach ein Wald, sondern eine Frage nach Orientierung.

Deshalb ist „FSHW 19 – Metamorphose“ nicht nur ein Porträt, sondern eine Auseinandersetzung mit Identität im Übergang.

Auch „ALIVE – Mirroring the Beauty of Nature“ und „Birds of Paradise Lost“ beschäftigen sich mit Fragen nach Natur, Verantwortung, Politik und unserem Verhältnis zur Welt.

Ich bilde nicht einfach ab, was mich bewegt. Ich übersetze es in meine eigene Bildsprache.

Gleichzeitig fotografiere ich seit jeher auch außerhalb meiner bewusst entwickelten Inszenierungen: auf Reisen, in Städten, in der Natur, im Alltag. In Paris, Griechenland, Polen, Österreich und an vielen anderen Orten.

Über die Jahre sind unzählige Fotografien entstanden. Viele davon liegen bis heute unveröffentlicht auf meinen Festplatten.

2025 begleitete ich Volker Drükosch und Susanne Schmitt während eines Teils ihrer Bolivienreise. Die Reise war auf Social Media präsent und wurde intensiv verfolgt. Menschen interessierten sich für unsere Erlebnisse und wollten anschließend auch meine Fotografien sehen.

Als wir 2026 unsere gemeinsame Veranstaltung „Kulinarische Poesie in Bild und Ton“ vorbereiteten, begann ich, meine Fotografien aus Bolivien für eine Ausstellung zusammenzustellen.

Und genau während dieser Arbeit entstand ein Konflikt, der mich mit einer grundlegenden Frage meiner künstlerischen Identität konfrontierte.

Ist das wirklich Kunst?

Reicht es aus, etwas zu fotografieren, das bereits existiert, um daraus ein eigenständiges Kunstwerk zu machen?

Ist mein Sehen allein genug?

Anders als bei meinen bewusst entwickelten Inszenierungen hatte ich in Bolivien keine Bildräume erschaffen, keine Protagonisten ausgewählt und keine Situationen gestaltet.

Die Bühne war bereits da.

Ich musste sie nicht bauen. Ich musste sie sehen.

Doch nun ging es nicht darum, Fotografien einer Reise zu zeigen. Ich wollte diese Bilder als meine Kunst ausstellen.

Was würden Menschen, die mein bisheriges Werk nicht kennen, darin erkennen?

Würden sie meine künstlerische Handschrift entdecken? Oder würden sie mich über eine Form der Fotografie definieren, die nur einen Teil meiner Arbeit zeigt?

Denn eine Ausstellung ist für mich mehr als die Präsentation einzelner Bilder. Sie ist auch eine Aussage darüber, wer ich als Künstlerin bin.

Aus dieser Auseinandersetzung entwickelte sich meine Ausstellung „Die Inszenierung im Zufall“, die im Oktober 2026 im Rahmen unserer gemeinsamen Veranstaltung gezeigt wurde.

Die Arbeit an dieser Ausstellung hat eine Frage aufgeworfen, die weit über Bolivien hinausreicht:

Was bestimmt meine künstlerische Handschrift, wenn ich eine Inszenierung nicht selbst erschaffe, sondern sie in der Welt entdecke?

Diese Frage führt mich heute zurück zu meinem bisherigen Werk. Zu Fotografien, die längst existieren, aber bisher nicht denselben Platz in meiner öffentlichen künstlerischen Präsentation eingenommen haben.

Ich liebe es, Regie zu führen. Aus einer Idee eine Bildwelt zu entwickeln, Menschen und Räume miteinander in Beziehung zu setzen und dem Unsichtbaren eine sichtbare Form zu geben.

Doch ebenso gehört zu meiner Arbeit die Fähigkeit, das Besondere im Vorhandenen zu erkennen.

Vielleicht liegt meine Handschrift nicht ausschließlich darin, einen Moment zu inszenieren, sondern auch in meiner Art, ihn wahrzunehmen.

Und vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, mein eigenes Werk mit derselben Offenheit zu betrachten, mit der ich der Welt begegne.

Respekt vor der Vergangenheit bedeutet für mich, anzuerkennen, was über all die Jahre entstanden ist – auch jene Arbeiten, die bisher im Verborgenen geblieben sind.

Verantwortung für heute bedeutet, bewusste Entscheidungen darüber zu treffen, welche Werke ich zeige und wie ich mich als Künstlerin positioniere.

Anspruch an die Zukunft bedeutet, meine künstlerische Identität nicht als etwas Abgeschlossenes zu betrachten, sondern offen zu bleiben für neue Fragen und Erkenntnisse.

Vielleicht geht es also nicht darum, ob mein Sehen allein ausreicht.

Sondern darum, zu erkennen, dass mein Sehen schon immer ein wesentlicher Bestandteil meiner Kunst war.

I SEE, THEREFORE I AM.

Ich sehe, also bin ich.

Ich bin Klaudia Taday. Ich bin Künstlerin.

Und meine Kunst ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern eine fortlaufende Auseinandersetzung mit mir selbst, mit der Gesellschaft und mit der Welt, in der wir leben.

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